lernen statt denken


 

--- Macht.Wissen.schaft ! ---


"Legitimerweise kann es [...] nur die Kritik der Wissenschaft geben..."
Max Horkheimer

Oktober 2003

Liebe Erstis! Der folgende Text soll eine Begrüßung der etwas anderen Art darstellen. Wir möchten darin einige Fragen aufwerfen, die mit eurem Studium und eurer Hochschule zu tun haben. Über eine anschließende Debatte würden wir uns äußerst freuen.

Endlich! Der Schule (mehr oder weniger erfolgreich) entronnen! Die alte Beziehung hinter sich gelassen. Neue Kontakte knüpfen, FreundInnen finden, vielleicht sogar die große Liebe? Soll's ja auch geben: Im Studium. An der Uni. In der WG, der Kneipe. In Berlin! Es scheint, als würde sich einiges ändern, man begibt sich in einen neuen Lebensabschnitt. Meinen auch manche Eltern, die beim Studium immer von der schönsten Zeit des Lebens reden und sich vielleicht bei diesen Worten auch noch mal verliebte Äuglein machen. Nun bist Du also auch am Anfang dieses schönen Lebens und stehst auf eigenen Füßen. Suchst nach einer Wohnung, im alternativen Prenz'l- oder Kreuzberg. Und in der Uni? Sie hat einiges zu bieten. Überall stecken Freiheit, Aufklärung und Erkenntnis drinnen. Bildung und Wissenschaft - im Dienste und zum Voranschreiten der Menschheit sollen sie sein. Und jeder von uns sollte doch seinen Teil dazu beitragen, nicht wahr? Als LehrerIn, JuristIn, PolitologIn, BiologIn, ÄrztIn, PhilosophIn, PhysikerIn, TheaterwissenschaftlerIn, GenderforscherIn, PsychologIn usw. Ist doch so, oder?

Wäre schön...

ist aber leider dann doch nicht so. Wären Bildung und Wissenschaft wirklich wichtig für das derzeitige menschliche Zusammenleben, dann könnte es ja gar nicht genug davon geben! Merkwürdigerweise gibt es aber ausgebildete AkademikerInnen, die auf der Straße sitzen, Taxi fahren oder Blätter im Park aufsammeln. Mit anderen Worten: Die wissenschaftliche Bildung taugt eigentlich nix für ihr Leben bzw. für die Gesellschaft, in der sie leben. Das gilt selbstverständlich auch für Menschen, die ihren Abschluss nicht an der Universität, sondern an der (Fachhoch-) Schule oder in einem Betrieb gemacht haben. Sie sind voller Wissen, haben sicherlich jede Menge kluge Gedanken, aber irgendwie reicht's doch nur für die Sozialhilfe. Oder eine Umschulung, also die weitere Aneignung von Wissen, welche aber meist nur Beschäftigungstherapie bis zur nächsten Arbeitslosigkeitsphase bedeutet.

Merkwürdig auch, dass wissenschaftliche Erkenntnis immer wieder gegen Menschen eingesetzt wird. Da werden Menschen aufgrund eines von ausgebildeten Juristen ausgedachten Ausländergesetzes in Staaten abgeschoben, wo sie mit Sicherheit kein schönes Leben führen können, sie vielleicht sogar der Tod erwartet. Entwickelte Energiegewinnungsformen wie die Kernkraft werden zu Massenvernichtungswaffen und diese dann in Hiroshima und Nagasaki verwendet. Oder trotz dem Wissen über die Gefahren zur Gewinnung von Strom benutzt. Biologische Erkenntnis wird zur Sortierung von Menschen in Rassen verwendet; man beachte dazu auch (den rassistischen) Artikel 3 des deutschen Grundgesetzes. Psychologische Therapien biegen den Menschen bei, wie sie mit ihrem Elend klarkommen können, erklären letzteres zu ihrem persönlichen Schicksal, klären also nicht, wieso es Elend gibt. Eine physikalisch-ballistische Erkenntnis zeigt auf, wie man mit einer Schusswaffe noch zielgenauer das Herz eines Menschen trifft. Und im Fach „Internationale Beziehungen“ am Fachbereich Politologie wird gelehrt, wie man ein nationales Interesse am besten natürlich ganz diplomatisch, aber kaum nicht-erpresserisch und vor allem nicht gewaltfrei gegen andere nationale Interessen in Stellung bringt; mit allen materiellen Folgen für die Unterlegenen. Oder mit dem in Wissenschaftsstätten entwickelten Giftgas Zyklon B werden Menschen in den Tod geschickt.

Klar, jetzt könnte der Einwand kommen: Das ist doch Schwarzmalerei. Dafür können doch die WissenschaftlerInnen erst einmal nichts. Die haben doch nur ganz wertfrei geforscht. Die Wissenschaft kann doch nix dafür. Und sie ist doch noch viel mehr als die aufgeführten Beispiele, denn da kommt ja auch noch einmal was Gutes herum! Das stimmt schon. Wir sind auch alles andere als fortschrittsfeindlich eingestellt und möchten weder Elektrizität, noch die Möglichkeit z.B. von Bluttransfusionen, noch das Internet oder die Mikroelektronik missen!

Aber auch hier finden wir wieder merkwürdiges. Trotz dem enormen technischen und geistigen Voranschreiten, also der Möglichkeit, Produkte wesentlich effizienter herzustellen und die Versorgung besser zu gewährleisten, leiden viele Menschen in den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Sie werden nicht satt oder leben unter materiell stark eingeschränkten Bedingungen. Also scheint ihnen der Fortschritt gar nicht zugute zu kommen. Patent-, Urheber und Markenrecht geben ein weiteres Indiz dafür her.

Da stimmt doch was nicht...

könnte einem in den Kopf schießen. Finden wir auch. Die Gründe für diese auftretenden Widersprüche scheinen aber nicht aus der Wissenschaft selbst erklärbar. Insofern ist der oben erwähnte Einwand, dass die Wissenschaftler beispielsweise nichts für die Atombombe können aus moralischem Standpunkt richtig. Aber: Ist die Wissenschaft deswegen schon von vornherein völlig wertfrei? Oder ist sie nicht vielmehr ganz bestimmten gesellschaftlichen Zwecken unterworfen? Und sind diese wirklich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert? Führt man sich die oben aufgezeigten Beispiele noch einmal vor Augen, dann scheinen sich die derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse, das heißt die gesellschaftliche Erhaltung des menschlichen Lebens, weniger an den Bedürfnissen ihrer Mitglieder zu orientieren, vielmehr vielleicht an der Profitabilität an einem Markt.

An welche Bedingungen ist Bildung und Wissenschaft geknüpft? Werden dort nicht Menschen (aus)sortiert? Dass es dabei nicht gerade menschenfreundlich zugeht, wisst ihr doch noch von der Schule: Bei schlechter Leistung gab's eine Sechs , statt den fraglichen Sachverhalt noch einmal zu erklären, bis er verstanden wird! Ähnlich - und das werdet Ihr ja noch erleben - geht's in der Universität zu, wobei hier noch anzumerken ist, dass durch die Einführung von Bachelor/Masterstudiengängen die schon vorhandene Sortierung eine Verschärfung erfahren hat. Dass dem dabei enstehenden Druck viele Menschen nicht standhalten können, wird auch billigend in Kauf genommen. Wenn ihr bei Eurem Studium von den ersten Nervenzusammenbrüchen, Medikamentensucht und Psychotherapien Eurer Kommilitonen hört oder selbst solche Erfahrungen macht (die Euch aber hoffentlich erspart bleiben), dann finden wir das jedenfalls ziemlich kritikabel und es wert, dem ganzen auf den Grund zu gehen.

Wir könnten jetzt noch viel mehr schreiben, z.B. zu geplanten Studiengebühren/-konten, zur Wissenschaftsfreiheit, zu Modularisierung usw. usf. All das und viel viel mehr gehört nämlich zu einer Kritik von Bildung und Wissenschaft. Wir wollen Euch auch nur einen klitzekleinen Einblick in eine spannende Frage geben. Solltet Ihr Interesse an weiterer Diskussion zu Bildung und Wissenschaft haben, dann kommt doch einmal zu einem Treffen...



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