30.04.2020 | Offener Brief Studierender mit Kindern der FU Berlin

Vor knapp 2 Wochen startete an der FU das groß angekündigte "Kreativsemester". Wer möchte solle studieren können und man wolle keine "verpasste Gelegenheit" und daher soll ein "vollwertiges Sommersemester" angeboten werden, so Günther Ziegler, Präsident der Freien Universität Berlin in einem Artikel im Tagesspiegel am 24.03.2020:

Man wolle "flexible Studien- und Studienabschlussmöglichkeiten schaffen, und dafür auch mit der maximalen Kulanz arbeiten, die unsere Regelungen und gesetzlichen Vorgaben hergeben – und wenn erforderlich und vertretbar, auch mit Ausnahmeregelungen." [1]

Nach 2 Wochen "Kreativsemester" ist von all dem nicht mehr viel übrig geblieben, als das vollwertige Sommersemester, nur eben online statt vor Ort in der Uni.

Es gab bereits Situationen, in denen bei Studierenden in Onlinekursen, ohne das Wissen von Studierenden deren Mikrofon von Dozierenden angestellt wurde und so private Gespräche von Studierenden vom gesamten Kurs mitgehört werden konnten. Aus dem Krisenstab der FU hies es auf Nachfrage darauf nur lapidar, dass der Sinn eines Livekurses sei, dass Studierende nicht nebenbei noch andere Sachen machen sollen.

Da wir davon ausgehen, dass die Unileitung schon von den bundesweiten Schul- und Kitaschließungen vor über 6 Wochen gehört haben dürfte, finden wir solche Aussagen vor allem mit Hinsicht darauf, dass uns noch vor dem Start des Semesters "kreative Lösungen" und "keine Benachteiligungen von Studierenden" versprochen wurden, als grotesk.
Wir, als studierende Eltern fordern nun genau das ein, was uns vor dem Semesterstart zugesichert wurde: kreative Lösungen, Ausnahmeregelungen, maximale Kulanz. Auch Überwachung und Kontrolle brauchen wir nicht. Weder möchten wir, dass unsere Mikrofone ohne unsere Zustimmung angeschaltet werden und uns 30 andere Personen beim Wechseln voller Windeln, Schlichten von eskalierendem Geschwisterstreit, dem Trösten bei einem schlechten Traum im Mittagsschlaf oder dem Begleiten eines kleinkindlichen Wutanfalls angeschaltet werden. Noch ist es uns möglich, während wir in unseren meist kleinen Studi-Wohnungen unsere Kinder zuhause betreuen, mit 100%iger Konzentration einem Seminar zu folgen. Genauso wenig ist es aus den selben Gründen möglich, teilweise wöchentliche Leistungsnachweise zu erbringen, wie es in einigen Seminaren bereits gefordert wird und sogar weit über die jeweiligen Studien- und Prüfungsordnungen hinausgeht.

Derzeit erreichen uns einige Mails, dass es für Studierende mit Kind(ern) gerade besonders schwer ist. Auch wir haben keine Ahnung, wie es gehen soll mit Kind(ern) 24/7 zuhause an online Seminaren teilzunehmen und teilweise wöchentlich Leistungen zu erbringen. Aber wir geben unser Bestes. Genau davor haben unterschiedliche Studierendenvertretungen ja auch im Vorfeld gewarnt, dass es Studierende gibt, die benachteiligt werden und auf der Strecke bleiben, wenn man in einer derartigen Krise auf biegen und brechen versucht, ein Semester durchzudrücken.

Neben all der Unsicherheit, frustrierten Kids daheim, Homeoffice etc. teilweise noch wöchentliche Leistungsnachweise zu erbringen und Anwesenheitspflichten in Online-Seminaren zu erfüllen, ist in der derzeitigen Krisensituation schlicht unmöglich.

In diesem Sinne: halten Sie Wort, werden auch Sie bitte kreativ. Der Präsenzbetrieb der Universität lässt sich nicht einfach online fortführen – nicht ohne bestimmte Gruppen von Studierenden zu benachteiligen – In diesem Fall Studierende mit Kindern. Mehr denn je ist es jetzt notwendig, die regelmäßige und aktive Teilnahme in allen online-Kursen an der FU für das Sommersemester 2020 auszusetzen, um die Vereinbarkeit von Studium und familiären Betreuungsaufgaben zu gewährleisten.

Fordert eure Rechte ein! Auch wenn ihr euch gerade allein gelassen fühlt, ihr seid es nicht. Meldet eure Erfahrungen und Probleme bitte der Beratung für Studierende mit Kind(ern) des AStA FU! Wir sind und bleiben weiter für euch da und helfen euch mit Tipps, Tricks, Informationen und kompetenter Unterstützung bei euren Anliegen.

Beratung für Studierende mit Kind(ern) des AStA FU

Kontakt und Informationen zur Beratung: https://www.astafu.de/beratung/studismitkind

[1] https://www.tagesspiegel.de/wissen/uni-mit-minimalem-praesenzbetrieb-kann-klappen-auf-ins-kreativsemester/25677680.html, Auf ins Kreativsemester, Günter M. Ziegler, 24.03.2020