Wir gedenken Mahmud Azhar – Pressemitteilung des AStA FU

Photo showing the wreath at Hahn-Meitner-Building

Heute hat an der Freien Universität Berlin eine Gedenkveranstaltung zum 30. Todestag von Mahmud Azhar stattgefunden, die vom AStA organisiert wurde und bei der ein Kranz niedergelegt wurde.


 

Am 7. Januar 2020 hatte sich der rassistische Angriff auf Mahmud Azhar, der Promotionsstudent und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Freien Universität war, zum 30. Mal gejährt.

Mahmud Azhar verstarb 2 Monate später an den Folgen des Angriffs.

Azhar wurde in Pakistan geboren und war ab Mitte der 1970er Promotionsstudent am Biochemie Institut der FU, das sich damals noch in Lichterfelde am Ostpreußendamm 111 befand. Er war 40 Jahre alt, als er Opfer des rassistischen Mordes wurde und hätte im selben Jahr seine Promotion abgeschlossen.

Nachdem er von dem Täter beim Verlassen des Instituts rassistisch und ausländerfeindlich beschimpft wurde, betrat er das Gebäude erneut und versuchte zwei Mal vergeblich die Polizei zu erreichen. Bis heute ist ungeklärt, warum es keine Reaktion gab. Daraufhin attackierte ihn der Täter, auch mit einem Feuerlöscher des Instituts. Erst als ein vorbeifahrender Taxifahrer die Polizei verständigte, reagierte diese.

Der Täter, der DDR Bürger war, wurde von der Polizei verhört und kurz darauf wieder freigelassen. Er flüchtete daraufhin nach Ostberlin, wo er für die Westberliner Behörden nicht auffindbar war. Es wurde kein Haftbefehl durch die Westberliner Staatsanwaltschaft erlassen, da sie dies für „unverhältnismäßig“ hielt. Das Verfahren wurde an die Justiz der DDR übergeben, die sich mitten in der Umstrukturierung befand.

Letztendlich wurde der Täter zu nur einem Jahr Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt und der Mord wird nicht in der offiziellen Statistik der BRD zu rechten Morden erfasst (Statistik beginnt am 3.10.1990). Nur in manchen Statistiken kommt Mahmud Azhar als Todesopfer eines rechten Angriffs mit der Ziffer 0 vor.


 

Am 7.1.2020 wurden zwei Tweets auf dem offiziellen Twitteraccount der Freien Universität Berlin veröffentlicht. Diese besagen, dass die Gedenktafel, die sich immer noch im ehemaligen Institutsgebäude befindet und deshalb nicht der Öffentlichkeit zugänglich ist, einen Platz auf dem jetzigen Campus erhalten soll.

Die Gedenktafel, die nach Aussage des Präsidiums der Freien Universität, unter Denkmalschutz steht, soll im Frühjahr, eventuell noch bis zum 30. Todestag von Mahmud Azhar, dem 5.3.1990, einen Platz auf dem Campus erhalten.

Vorgesehener Ort ist das aktuelle Institut für Biochemie, der Hahn-Meitner-Bau in der Thielalle 63. Weiter teilte die Universitätsleitung dem AStA auf Anfrage mit, dass sie plant  „im Rahmen einer Sitzung des Akademischen Senat an den Todestag zu erinnern und die universitäre Öffentlichkeit über die Medien der Hochschule auf den rassistisch motivierten Überfall und seine Folgen erneut zu informieren“. Dies soll am 22.4.2020 stattfinden.

Das ist sehr zu begrüßen, reicht allerdings kaum aus, um die damalige Untätigkeit der Universitätsleitung, wiedergutzumachen.

Wenn das Präsidium also in seiner vom AStA erbetenen Stellungnahme vom 15.01.2020 zum Angriff schreibt: „Die Freie Universität Berlin ist ein Ort, an dem alle Formen des Rassismus oder der Diskriminierung grundsätzlich nicht geduldet werden. Jegliche Diskriminierung von Menschen [...] wird an der Freien Universität nicht toleriert.“, dann ist das nicht genug!

 

Es darf keine Benachteiligung im Bewerbungsverfahren von Personen mit ausländischer Hochschulberechtigung geben und keine Nachteile beim BAföG für Menschen, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Es braucht eine Beratung für Personen, die von Rassismus betroffen sind, verankert in den Universitätsstrukturen und nicht nur vom AStA. Wir fordern daher auch spezifische und ausreichend ausgestattete Anti-Rassismus-Beauftragte in der Neufassung des Berliner Hochschulgesetzes (BerlHG) festzuschreiben

Es braucht mehr Mitbestimmung für Studierende, ein kritisches Betrachten, davon, was Forschungs- und Lerninhalte sind und wer an der Freien Universität lehrt.

Es ist unzureichend, wenn nur zwischenmenschliche Diskriminierungsvorfälle, die als vermeintliche Einzeltaten gelten, thematisiert werden und nicht die strukturellen Unterdrückungsmuster, von denen Personen betroffen sind und die überall, auch an der Universität, existieren. Der AStA ist seit 2019 Anlaufstelle für von Diskriminierung betroffene Menschen im Rahmen des Berliner Register.


 

Bildungsgerechtigkeit jetzt! 

Für eine antirassistische und dekoloniale Praxis an der Hochschule!


 

Wir verurteilen den Umgang der deutschen Justiz in diesem Fall und anderen rassistischen Angriffen, die zum Teil gar nicht oder nur sehr schwach bestraft werden und wurden. Dies zieht sich durch die deutsche Geschichte, was auch bei dem Umgang mit den Morden durch den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), offensichtlich wird. In einer erschreckenden Klarheit hat zuletzt der Anschlag von Hanau gezeigt, dass rassistische Morde nicht als Einzelfälle abgetan werden dürfen. 


 

Solidarität mit allen von Rassismus und Ausländer_innenfeindlichkeit betroffenen Menschen!

Gegen die, nie weggewesene und steigende, Bedrohung von Rechts!

Erinnern heißt kämpfen!

 

 

Allgemeiner Studierendenausschuss der Freien Universität Berlin (AStA FU), 6.3.2020


 

Quellen:

Vgl. Peschel, A. (2014, Mai 26). Remember Mahmud Azhar! | AStA FU Berlin. Abgerufen 13. Januar 2020, von https://www.astafu.de/node/269

Vgl. Zentrale Online-Redaktion der Freien Universität Berlin. (2020, Januar 7). @FU_Berlin [Twitter]. Abgerufen 13. Januar 2020, von https://twitter.com/FU_Berlin/status/1214575308243898370

 

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