Decolonize Kunstgeschichte Afrikas an der FU!

Pressemitteilung: Decolonize Kunstgeschichte Afrikas an der FU!

Studierende fordern in offenem Brief rassismuskritische und dekoloniale Neuausrichtung am Kunsthistorischen Institut

Offener Brief in deutsch und englisch: astafu.de/dekoloniale-visionen-khi

Die Neubesetzung der Professur für "Kunst und visuelle Kulturen Afrikas" kann eine Chance für antirassistische und dekoloniale Lehre und Forschung sein. Die Universität hat die Wahl zwischen einem "Weiter so" der eurozentristischen und weiß-geprägten Strukturen und einem Schritt in Richtung Umsetzung ihrer selbst gesetzten Ziele für Diversität, Antirassismus und Internationalität.

Am Kunsthistorischen Institut (KHI) der Freien Universität (FU) Berlin fordern Studierende der Studiengänge "Kunstgeschichte im globalen Kontext" und "Kunstgeschichte Afrikas" seit Jahren Veränderungen. Bisher blieben ihre Bemühungen erfolglos. Nun wird der wichtige Posten einer W3-Professur für "Kunst und visuelle Kulturen Afrikas" neu besetzt. Aus diesem Anlass haben Studierende des KHI den studentischen Arbeitskreis für eine antirassistische und antikoloniale Kunstgeschichte gegründet: "eine Gruppe von BIPoC- und weißen Personen, die sich für die Zukunft des Studiengangs "Kunstgeschichte Afrikas" und für dekoloniale und diskriminierungssensible Ansätze in der Lehre engagieren". Sie fordern eine grundlegende Neuausrichtung des Schwerpunktbereiches „Kunst und visuelle Kulturen Afrikas“ und die zentrale Berücksichtigung von rassismuskritischen und dekolonialen Forschungsansätzen am gesamten KHI. Die Chance, durch die Auswahl eine*r Wissenschaftler*in mit u.a. fachlicher Expertise zu de- und postkolonialer Forschung und biografischen Bezügen zum afrikanischen Kontinent tatsächlich eine solche Neuausrichtung zu erreichen, darf nicht verpasst werden!

Als Allgemeiner Studierendenausschuss (AStA) der FU unterstützen wir deshalb vollumfänglich den offenen Brief und die darin enthaltenen Forderungen der Studierenden des KHI (siehe Anhang), welche sich nach vielen internen Kommunikationsversuchen mit der Instituts- und Universitätsleitung nun dazu gezwungen sehen, ihren Standpunkt öffentlich zu machen.

Im Berufungsverfahren um die Professur wurden bereits im Juni die öffentlichen Probevorträge der Kandidat*innen durchgeführt. Wie die Studierenden in ihrem Brief herausstellen, haben die beiden Kandidat*innen Prof. Dr. Adepeju Layiwola und Prof. Dr. Bárbaro Martínez-Ruiz passende Forschungserfahrungen und -ansätze, die gegenwärtige Debatten und drängende Themen aufgreifen, um am Institut eine zukunftsfähige Neuausrichtung voranzubringen.

Dahingegen beurteilen sie den Forschungsansatz der dritten Kandidatin Prof. Dr. Kerstin Silja Pinther als Fortführung der eurozentristischen Ausrichtung des Instituts und der Abteilung "Kunst Afrikas": "Aus unserer Perspektive steht Pinthers anthropologisch-ethnologischer Ansatz [...] in der Tradition des europäischen und eurozentristischen "Besprechens" und "Beforschens" des afrikanischen Kontinents." Darüber hinaus ist sie auch die Lebenspartner*in des bisherigen Lehrstuhlinhabers. Die Studierenden argumentieren, dass es einen grundlegenden Wechsel in der Abteilung braucht und dass sowohl Prof. Dr. Adepeju Layiwola als auch Prof. Dr. Bárbaro Martínez-Ruiz durch ihre jeweiligen Expertisen bestens qualifiziert sind, die aus ihrer Sicht dringend notwendige Neuausrichtung und Aktualisierung in der Lehre und Forschung zur “Kunst Afrikas” anzustoßen.

Der studentische Arbeitskreis formuliert für die Neubesetzung der Professur und die Zukunft des KHI im offenen Brief die Vision einer “dekolonial ausgerichtete[n] Lehre und Forschung, die afrikanische und afrodiasporische Perspektiven und Epistemologien zentral berücksichtigt, in der rassismuskritisches und diskriminierungssensibles Sprachverhalten praktiziert wird, in der globale kolonialgeschichtliche Verknüpfungen aufgezeichnet, in der eurozentrische Wissenschaftstraditionen benannt, reflektiert und überwunden werden können und die Perspektiven, von durch Rassismus Betroffenen, ernst genommen werden”. Die Studierenden schreiben weiter: “In unserer Vision sollen alle Personen und insbesondere BIPoC an der FU Berlin und im speziellen am KHI studieren und arbeiten können, ohne kolonialen Machtstrukturen ausgeliefert zu sein und rassistische Gewalt zu erfahren.”

Im offenen Brief fordern sie deshalb die FU Berlin unter anderem dazu auf,

  • in dem Verfahren zur Besetzung der Professur den gesamtgesellschaftlichen und wissenschaftlichen Anspruch der Überwindung von kolonialen und rassistischen Wissensbeständen zur berücksichtigen und gemäß des novellierten Berliner Hochschulgesetzes (BerlHG) diskriminierungssensible und rassismuskritische Ansätze in der Lehre zu priorisieren;
  • gemäß des Berliner Partizipationsgesetzes (PartMigG) den Anteil mit Personen mit "Migrationsgeschichte" in der eigenen Personalstruktur zu erhöhen und sicherzustellen, dass die Repräsentanz von BIPoC Lehrpersonen im Studiengang erhöht wird;
  • und wissenschaftliche Qualifikationen der Kandidat*innen und inhaltlich-konzeptionelle Innovation über die Nähe zum bisherigen Lehrstuhlinhaber und dem KHI zu stellen.

. Als AStA der FU positionieren wir uns gemäß unseren eigenen Grundwerten und Ansprüchen an der Seite der Studierenden des KHI und fordern die Universitätsleitung dazu auf, den Forderungen unverzüglich nachzukommen. Laut dem "FU Diversity-Konzept" sieht sich die Freie Universität "in der Verantwortung, Diversity anzuerkennen und zu fördern und Ausgrenzungsmechanismen selbstkritisch und machtsensibel zu erkennen, zu reflektieren und zu beseitigen." Wir erwarten, dass die FU ihrem wiederholt nach außen getragenen Selbstbild und "Diversity-Konzept" entsprechend handelt. Es darf nicht sein, dass koloniale Strukturen immer weiter reproduziert werden. Die Neubesetzung der Professur für "Kunst und visuelle Kulturen Afrikas" ist eine ausgezeichnete Gelegenheit für die Universität, hochqualifizierte Wissenschaftler*innen mit progressiven Forschungsansätzen einzustellen und ihre vielfach beschworene Verpflichtung zu Diversität, Internationalität und wissenschaftlicher Exzellenz unter Beweis zu stellen.